Gesprächsabende


Geschichte und Verantwortung

Freitag, 09.10.2019

Bilder: Manfred Olivier



"Viele Vollstrecker und wenige Verweigerer"

Ein gut besuchter Gesprächs- und Gedenkabend des Evangelischen Volksvereins EAB in Hiesfeld zu NS-Täterschaft und zu der Frage nach heutigen Lehren aus der Vergangenheit.

"Es gab viele Vollstrecker und nur wenige Verweigerer." Diese bittere Erkenntnis aus der NS-Täter-Forschung stellte Stefan Querl jetzt bei einem Gedenk- und Gesprächsabend des Evangelischen Volksvereins EAB (EAB - Evangelische Arbeitnehmerbewegung) in Hiesfeld zur Diskussion. Bei dem hervorragend besuchten Forum im Gemeindehaus Kirchstraße 7 berichtete der stellvertretende Leiter der Villa ten Hompel in Münster, der vor 30 Jahren in der Dorfkirche konfirmiert worden war und seither weiter der Kirchengemeinde angehört, aus seiner 18-jährigen Berufserfahrung an dem "Geschichtsort" der Stadt Münster. Er ging anhand von Beispielen der Frage nach, wie aus "ganz normalen Männern" damals Mörder, Mordgehilfen, Mitläufer werden konnten im Vernichtungskrieg oder während der Shoah. Vor allem die Rolle der "Ordnungspolizei" wurde näher beleuchtet im Zusammenwirken mit SS oder Hitlers Wehrmacht. Nicht nur der Kalte Krieg habe nach 1945 in Westdeutschland die Strafaufklärung lange verhindert. "In der Öffentlichkeit und in vielen Familien ist das Regime mehr beschwiegen denn besprochen worden. Das hat sich inzwischen aber sehr geändert."

Als ein einladender "Geschichtsort" besteht die von der katholischen Fabrikanten-Familie ten Hompel zur Weimarer Zeit erbaute Villa ten Hompel in diesem Herbst 20 Jahre. Das Haus beherbergt unter anderem das Vorstandsbüro des Arbeitskreises aller NS-Gedenkstätten und Erinnerungsorte in Nordrhein-Westfalen und die Regionalgruppe des deutschlandweiten Netzwerkes ‚Gegen Vergessen - Für Demokratie' unter Ehrenvorsitz des Bundespräsidenten a.D. Joachim Gauck. Für die parteiübergreifende Vereinigung engagiert sich Stefan Querl im Bundesvorstand, denn "Demokratie ist wichtig, aber nicht selbstverständlich", wie er betonte.

Was er von dem politischen Plan halte, Schülerinnen und Schülern offizielle Besuche an KZ-Gedenkstätten zu verordnen, wurde der Gast während der durch den EAB-Vizevorsitzenden Friedel Hoffmann moderierten Debatte gefragt. "Junge Menschen haben aus meiner Sicht weniger die Pflicht zu erinnern, sondern eher das Recht, historische Hintergründe umfassend zu erfahren. Kür ist dabei stets die Vernunft", plädierte der 45-Jährige für offene Formen der Auseinandersetzung über Generationsgrenzen hinweg: So etwa in Schulen, in der Jugend- und Konfirmanden-Arbeit oder bei Zeitzeugen-Projekten. Christlich-jüdischer Dialog sei ein weiterer wertvoller Ansatz, unterstrich er. Er warnte vor falscher Hoffnung, durch den reinen moralisierenden Rückgriff auf die Zeit der Nazi-Diktatur einen Rechtsruck und -populismus in der Gesellschaft verhindern zu können. "Wir Erwachsenen täten gut daran, Hünxe, Solingen, Hoyerswerda, Rostock warnend im Gedächtnis zu halten und Jüngeren zu erklären, was dort Grausiges geschah", erinnerte er an die Welle von Anschlägen seit der Wiedervereinigung. Darüber hinaus komme dem Einsatz gegen Antisemitismus heute besondere Bedeutung zu.

Mehr zu Angeboten des Erinnerns und Gedenkens an Verfolgte und Opfer der NS-Gewaltherrschaft online auf:

www.gegen-vergessen.de
www.villatenhompel.de




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